Grundwissen Hyperinflation

Hyperinflation heißt wörtlich übersetzt "Über-Aufblähung" oder "Über-Inflation". Mit Hyperinflation bezeichnet man eine Inflation mit rapide ansteigender Geldmenge, Geldumlaufgeschwindigkeit und entsprechenden Preissteigerungen, die über eine "normale" Inflationsrate hinausgehen. Hyperinflationen stellen eine massive Entwertung der betroffenen Währungen in relativ kurzen Zeiträumen dar. Unter einem Gold- oder Silberstandard ist eine Hyperinflation nicht möglich. Oft ist die Währung am Ende der Hyperinflation völlig wertlos.

Hyperinflation als "gallopierende Inflation"

Eine Hyperinflation bezeichnet man teilweise auch als "gallopierende Inflation". Während eine "normale" Inflation oft über Jahrzehnte hinweg eine eher jährlich kontinuierlich verlaufende Geldmengensteigerung oder auch Preisinflation aufweisen kann, verlaufen die Steigerungen der Geldmenge und der Preise bei einer Hyperinflationen oft exponentiell, explosionsartig innerhalb von wenigen Jahren oder gar Monaten. Solch eine typische Exponential-Kurve ("e-Kurve") lässt sich beispielsweise im folgenden Chart illustrieren, der den Wechselkurs des Zimbabwe-Dollar gegenüber dem US Dollar darstellt.

Im Schaubild stellt die rote Kurve den offiziellen Wechselkurs, die blaue Kurve den Schwarzmarktkurs und die grüne den Umrechnungskurs über den Vergleich der Börsenkurse gleicher in Zimbabwe und London notierter Aktien dar. Im Chart ist die enorme Zunahme der Inflation im Zeitverlauf zu erkennen. Dabei ist zu beachten, dass in der linken senkrechten Skala jede Markierung bereits eine Verzehnfachung (!) des Wechselkurses darstellt.

Abgrenzung Hyperinflation zu Inflation

Es gibt keine festen Regeln, wann eine Inflation in den Wirtschaftswissenschaften als Hyperinflation zu bezeichnen ist. Allerdings geben die Bilanzierungsregeln für den International Accounting Standard (IAS, Internationaler Rechnungsstandard) Indikatoren vor, wann für eine Währung eine Hyperinflation festzustellen ist, weil in diesem Fall besondere Währungsrechnungen erforderlich sind, um trotzdem eine ordnungsgemäße Rechnungslegung und Bilanzierung zu gewährleisten. Seit 1990 bestimmt die IAS 29 für "Finanzberichte in hyperinflationären Volkswirtschaften" ("Financial Reporting in Hyperinflationary Economies") eine besondere Rechnungslegung, wenn folgende Anhaltspunkte gegeben sind:

  1. Die Bevölkerung zieht es vor, Vermögen in Werten außerhalb von Geld oder in relativ stabiler Auslandswährung zu halten. Lokale Währungsbeträge werden sofort investiert, um die Kaufkraft zu erhalten.

  2. Die Bevölkerung orientiert sich bei Geldbeträgen nicht an der lokalen Währung, sondern an einer relativ stabilen Auslandswährung.

  3. Kredite werden zu Preisen vergeben und angenommen, die für die Ausleihperiode auch bei Kurzläufern den Kaufkraftverlust kompensieren.

  4. Zinsen, Gehälter und Preise orientieren sich an einem Preisindex, wobei sich die Inflation innerhalb von drei Jahren 100% nähert oder übersteigt.

Es werden also mehrere Merkmale für eine Hyperinflation genannt, die in der Praxis häufig gemeinsam auftreten. Ab einer Zins-, Gehälter- oder Preisinflation von 100% innerhalb von drei Jahren ist nach IAS jedenfalls von einer Hyperinflation auszugehen.

 

Hyperinflation ist kein Naturereignis, sondern Ergebnis der Geldpolitik

Häufig werden Hyperinflationen als eine Art Naturereignis dargestellt, das die Währung einer Volkswirtschaft heimsucht. Beispielsweise erläutert das Deutsche Historische Museum die Vorgeschichte der Hyperinflation der Weimarer Zeit wie folgt: "Seit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 vermehrte sich im Deutschen Reich die umlaufende Geldmenge und führte zu einer kontinuierlichen Geldwertverschlechterung und sinkender Kaufkraft. Mit der militärischen Niederlage 1918 blähte sich die Geldmenge weiter auf....." Es war jedoch nicht ein "es", sondern die Regierung, die die Geldmenge vermehrte, um die Rüstungsproduktion und die Kriegführung im I. Weltkrieg über Kriegsanleihen zu finanzieren. Und es war ebenfalls die Regierung, die 1923 ein Großteil der deutschen Druckereien mit dem ständigen Drucken neuer Banknoten auslastete. Lauteten bis 1922 Geldscheine nur bis 1.000 Reichsmark, gab die Regierung im Herbst 1923  schließlich Geldscheine zu 100 Billionen Reichsmark pro Schein (!) heraus. Eine Hyperinflation ist letztlich das Ergebnis der Finanz- und Geldpolitik, wobei der Staat zunächst in eine Schuldenkrise schliddert und daraufhin ungedecktes Scheingeld in immer größeren Beträgen gedruckt wird, um die Staatsausgaben zu finanzieren und die Staatsschulden loszuwerden.

Diejenigen, die schließlich die Entscheidung treffen, die aufgeblähte bankrotte Währung in einer Art Supernova verglühen zu lassen, sind oft garnicht an der Misere "schuld". Oft sind es die schon abgewählten Vorgängerregierungen, die eine rücksichtslose Staatsverschuldungspolitik (Krieg, populistische Geldpolitik, usw.) betrieben, die später zur Vertrauenskrise und in den Staatsbankrott führt, da die exorbitante Schuldenlast inklusive Zinsen nicht mehr abgetragen werden kann. Da die Wähler in Sachen Geldpolitik meist ahnungslos gehalten oder für dumm verkauft werden, kommt es dabei häufig zu falschen Schuldzuweisungen.

 

Gewinner in der Hyperinflation

Gewinner der Hyperinflation sind alle Schuldner, die vorher zu noch niedrigen Zinsen längerlaufende Kredite aufgenommen haben. Die Kreditrückzahlung muss natürlich in der Inflationswährung vereinbart worden sein. Hat die Hyperinflation die Währung völlig entwertet, sind die Schuldner automatisch von ihren Schulden befreit.

Ein wesentlicher Grund für eine geldpolitische Entscheidung, durch hemmungsloses Gelddrucken eine Währung schließlich in eine Hyperinflation hineinzusteuern, ist es daher, dass man damit die bis dahin aufgelaufende exorbitante Staatsverschuldung loswird. Außerdem kann der Staat damit seine laufenden gesetzlichen Zahlungsverpflichtungen (z.B. Zahlung von Altersrenten, usw.) über in beliebiger Menge druckbarer fast wertloser Geldscheine einlösen.

Entsprechend profitieren auch andere Kreditnehmer in einer hyperinflationierenden Währung. Beispiele aus der deutschen Inflation 1923 sind Industrielle wie Stinnes, der sich über Kredite ein Industrieimperium zusammenkaufte, die dann in wertloser Währung zurückgezahlt werden konnten. Ein Schein über eine Billion Reichsmark entsprach 1923 bei der Währungsreform dem Wert einer neuen Rentenmark. Entsprechend profitierten auch Haus- und Landbesitzer, da aufgenommene Hypothekenkredite wertlos wurden. Wertstabil bleiben in der Hyperinflation auch Gold, Silber oder "harte Währungen".

 

Verlierer in der Hyperinflation

Die großen Verlierer der Hyperinflation sind alle, die auf die betroffene Währung lautende private oder staatliche Anleihen halten, Kredite vergeben haben oder anderweitig "im Geld" sind (Bankkonten, Sparbuch, Festgeld oder Bargeld unter der Matratze). Geldscheine und Anleihepapier behalten nur noch ihren inneren Wert, den Altpapierwert. Empfänger regelmäßiger Zahlungen (z.B. Rentner, Gehaltsempfänger, etc.) verarmen, da die Einkommen nur verzögert oder garnicht an die galoppierenden Marktpreise angepasst werden. Über eine Hyperinflation kann sich der Staat oder auch Staatsbetriebe auch die Zahlungpflichten der Altersrenten nach Ende der Hyperinflation auf Bruchteile reduzieren (z.B. Russland 1992).

Gegenüber den meist besser oder als Insider informierten Eliten, Politikern und Finanzexperten begreift das breitere Publikum eine hyperinflationäre Entwicklung meist nur verspätet. So profitieren bei der Hyperinflation überwiegend Vermögende, während der Mittelstand und die ärmeren Schichten oft alles verlieren.

Letztlich sind bei einer Hyperinflation meist alle die Verlierer: Das Vertrauen in die Wirtschaft insgesamt wird erschüttert und das verarmte Publikum wendet sich verstärkt politisch radikalen Strömungen zu, es kommt zu Gewalt, Aufständen und oft auch Kriegen. So sehen die Geschichtswissenschaftler vielfach die deutsche Inflation 1923 als wichtiger Mitauslöser des Nationalsozialismus an, der Deutschland letztlich in den II. Weltkrieg führte.

 

Hyperinflationen passieren häufig

Hyperinflationen stellen keine exotischen Ausnahmeerscheinungen dar, sondern passieren recht häufig. Ausgangspunkt sind meist:

  • kriegerische Konflikte, die enorme zusätzliche Staatsausgaben und Kreditaufnahme nach sich ziehen
  • sonstige massive Ausweitung der Geldmenge durch Regierung, Staat oder Notenbank ohne Bezug zu einer gesteigerten Wertschöpfung der Volkswirtschaft (z.B. Populismus oder durch Abfedern systemisch bedingter Finanzcrashs aufgrund vorheriger Geldmengenerweiterung durch noch mehr Liquiditätsspritzen oder Geld drucken).

In vielen Fällen wird die Bevölkerung von der Hyperinflationsstrategie der eigenen Regierung überrascht. Diese hält die eigene Strategie möglichst geheim, damit nicht vorzeitig eine Panik ausbricht.

 

Einige Länder mit Hyperinflation zwischen 1989 bis 2009

Angola (1991 - 1995)

Argentinien (1985 - 1991)

Brasilien (1996  - 1994)

Bulgarien (1996 - 1997)

Georgien (1993 - 1995)

Jugoslawien (1989 - 1994)

Nikaragua (1987 - 1990)

Peru (1988 - 1990)

Polen (1989 - 1991)

Rumänien (1998 - 2005)

Russland (1992 - 1998)

Türkei (1990 - 2005)

Ukraine (1993 - 1995)

Weißrussland (1994 - 2002)

Zimbabwe(2004 - 2009)

Zaire (1989 - 1996)

 

 

 

 

 

Kommentare

Kommentar hinzufügen

CAPTCHA
Diese Frage verhindert automatisierte SPAM-Beiträge.
                         _       _            
_ _ __ __ _ _ | |__ | | _ __
| | | | \ \/ / | | | | | '_ \ | | | '__|
| |_| | > < | |_| | | | | | | |___ | |
\__, | /_/\_\ \__, | |_| |_| |_____| |_|
|___/ |___/
Enter the code depicted in ASCII art style.